Erotische Wäsche – Dessous Ausstellung

Die Ausstellung im Textilmuseum St.Gallen zur Geschichte und Bedeutung der intimsten Kleidung der Frau findet vom 8. Mai bis 30. Dezember 2018 statt. Erotische Wäsche akzentuiert die Weiblichkeit und gibt seit jeher ein klares Statement zum Moral-, Intimitäts- und Ästhetikkodex unserer Gesellschaft ab. Secrets Dessous widerspiegelt einen Teil der Sitten- und Kulturgeschichte, zeigt die historischen Besonderheiten, die Modernität und gesellschaftliche Bedeutung von Dessous auf. Als Gastkuratorin verleiht die Pariser Wäschedesignerin Chantal Thomass der Ausstellung ihre Handschrift und zeigt anhand der jahrhundertalten Dessous-Geschichte unter anderem die Befreiung des weiblichen Körpers und die Veränderung der Dessous-Silhouette auf. Chantal Thomass hat in den letzten Jahrzehnten die Entwicklung von Dessous entscheidend mitgeprägt, brachte sie in frühen Jahren auf den Laufsteg und versuchte stets Dessous-Kreationen zu entwerfen, die zu den Trends der Prêt-à-Porter Mode passten. Seit Beginn ihrer Designer-Tätigkeit Ende der 60er Jahre arbeitet Chantal Thomass eng mit den Dessous-Stickereiproduzenten aus der Region zusammen. Eine gegenseitige, erfolgreiche Inspiration, wie sie sagt. Zusammen mit dem Antwerpener Ausstellungs-Szenografen Bob Verhelst schafft Chantal Thomass in St. Gallen ein eindrückliches, lehrreiches und sinnliches Museumserlebnis für alle Besucherinnen und Besucher was Dessous angeht.

Kreativität mit Poesie und Extravaganz für Dessous

Stickerei und Spitzen sind weltweit die wichtigsten Dekorationselemente von Dessous, und St. Gallen ist ihr kreatives Zentrum. Dieser traditionsreiche Ort ist geprägt von einer jahrhundertalten und gleichzeitig modernen, visionären und schöpferischen Beziehung zu textilen Produkten. Ostschweizer Stoffe und Stickereien werden von den namhaftesten Wäsche-Designern verarbeitet und sind ebenso prominent in der Haute Couture und an den Prêt-à-Porter Schauen in Paris, Mailand, New York und London vertreten. Auf dem Laufsteg von ’Secrets’ defilieren denn auch Kreationen von John Galliano, Thierry Mugler und anderen Designern, die von Dessous inspiriert sind.

Ihre Herstellung stellt nicht nur in modischer, sondern auch in technologischer Hinsicht weitaus die höchsten Ansprüche. Die Textilschaffenden haben die Aufgabe, anspruchsvolle Anforderungen zu berücksichtigen: Diese kleinsten und variantenreichsten Kleidungsstücke müssen strapazierfähig und x-fach waschtauglich sein. Halt und Langlebigkeit garantieren. Tragkomfort und Funktionalität. Eine grosse Herausforderung, welche mit dem aktuellen Zeitgeist, der Mode und den Innovationstrends in Einklang zu bringen ist.

Die geschichtliche Entwicklung der Dessous

Das viktorianische Zeitalter endete mit dem Verschwinden der Korsage aus Fischbein, die über Jahrhunderte die weibliche Figur formte und ihre Bewegungsfreiheit einschränkte. Erst die Entwicklung von hygienischen Grundsätzen am Ende des 19. Jahrhunderts, die wachsende Begeisterung für sportliche Betätigung und die avantgardistischen Modeschöpfer (Poiret, Fortuny) machten der Korsage den Gar aus. Sie verschwand nach und nach während des Ersten Weltkriegs. Die nunmehr aktiven Frauen wählten fortan diskretere und praktischere Dessous: Büstenhalter, Unterkleider, Unterhosen und helle Strümpfe, die nebst der weiblichen Gestalt auch die Sitten revolutionierten.

In den ’verrückten Zwanzigern’ strebten die emanzipierten Frauen nach einer knabenhaften, schlanken Figur mit Dessous. Ein Trend, der sich nicht lange hielt. Der Garçonne-Look wich bald einer feminieren Erscheinung. Die Formen des weiblichen Körpers zeichneten sich nun deutlich durch den unentbehrlichen, aber – durch die technischen Fortschritte in der Gummiverarbeitung – bequem gewordenen Hüfthalter ab. Die Brüste ruhten fortan in getrennten Körbchen. Wie der Rest der Kleidung, so waren auch die Dessous zusehends äusserst elegant: feine Stickereien und kostbare Spitzen zierten die massgefertigten, exquisiten Textilien.

Der ’New Look’ von Christian Dior läutete 1947 für Dessous eine neue Ära ein, die von der sogenannten Pin-up-Figur geprägt wurde: Büstenhalter mit konzentrischen Nähten betonten die Brüste, BHs ohne Riemen legten sie in grossem Masse bloss und die eingearbeiteten Metallbügel wurden in allen möglichen Variationen gebogen, um die Brüste zu akzentuieren und so stark wie möglich anzuheben. Gürtel und Mieder betonten die Taille und hoben die Rundungen der Hüfte hervor, während schwingende Unterröcke die Beine verdeckten und weite Röcke unterstrichen.
Wie die Kleidung, so wurden auch die Dessous komplexer, und vielfältiger. Mehr denn je erweiterte sich die Palette der Dessous, folgte der Mode und ihrem stetigen Wandel.

Heute sind es nicht mehr Fischbein-Korsagen und Leibgürtel, die den Körper formen, sondern ein gesunder Lebensstil, Ernährung, Sport und Medizin. Dessous haben eine neue Aufgabe: sie sollen praktisch und bequem sein, verführen, gefallen und das Selbstbewusstsein der Trägerin stärken.
Für jede Frau das Dessous, das zu ihr passt und ihren Charakter, ihre Präferenzen unterstreicht. Dessous sind nicht mehr verborgen, sie zeigen sich heute als legitimiertes Kleidungsstück und ganz unbekümmert. Die immense Produktion schafft regelmässig neue Bedürfnisse, Formen, Farben und Möglichkeiten. Damit sind Dessous endgültig zum Modeobjekt geworden.

Die Abwesenheit des weiblichen Körpers an der Ausstellung entfremdet zwar die Dessous der Realität, aber ihr geheimnisvoller Zauber zieht trotzdem alle Besucherinnen und Besucher in ihren Bann.